Meditatives Zeichnen

Meditatives Zeichnen

Der lange Atem

Können Sie sich vorstellen, dass man als Kind für ein Projekt wie den Adventskalender (mehr dazu weiter unten) einen sehr langen Atem benötigt? In diesem Kurs haben wir das wörtlich genommen. Langsames Ausatmen entspannt.

“Spaghettikochen” und “Stillsitzen wie ein Frosch”

Ich mag das Buch der niederländischen Psychologin Eline Snel, die in kindgerechter Form kleine Meditationseinheiten anbietet, von denen ich  regelmäßig mindestens zwei in meine Zeichenkurse einbinde. Wenn man gestresst aus der Hausaufgabenbetreuung kommt, dann kann es hilfreich sein, sich erst mal wie ein Pfund Spaghetti weich zu kochen, bis man fast im Stuhl zerfließt. Nach der konzentrierten Zeichenarbeit ist es dann einfach, “still zu sitzen wie ein Frosch” und im Grunde zu meditieren wie die Großen.

Wertschätzung, Selbstwahrnehmung, Empathie…

…und zur Ruhe kommen!

Alles begann damit, dass ich zuweilen einmal 5 Minuten am Ende eines Filzkurses übrig hatte, und meine ansonsten sehr lebhafte Gruppe großen Spaß daran hatte, die “Sardinenbüchse” zu spielen. Das war eine Teppichecke im Raum, umstellt von Regalen und eigentlich ein wenig eng für bis zu 10 Kinder, daher der Name des Spiels. Wer fertig war mit seiner Arbeit legte sich in die “Dose” und wenn alle Kinder dort waren, machte ich einen Körperscan oder eine kurze Traumreise mit ihnen. Zu meiner großen Überraschung war dies äußerst beliebt. Offensichtlich haben viele Kinder gespürt, dass es als Gegenpol des oft lauten und turbulenten Schulalltags Inseln der Ruhe geben sollte (und Gott sei Dank ja auch hier und da gibt).

Ich berichtete von meinen Erfahrungen und so kam es, dass ich an dieser Schule ein neues Format ausprobieren durfte: Meditatives Zeichnen. Ziel des Kurses war es vor allem, die Kinder im Hier und Jetzt zu halten: vergessen, was gerade noch war, völlig egal, was wir später machen – wir sind hier und jetzt, wir zeichnen und wir fühlen uns.

Das Beschäftigen mit den eigenen Gefühlen war ein Schwerpunkt des Kurses. Wie häufig auch in meinen Filzkursen setzte ich Bilderbücher wie beispielsweise Mies von Houts “Heute bin ich” ein. Einige Übungen befassten sich mit unserer Wahrnehmung (halbvolle Flasche) oder mit dem häufigen Verwechseln von Trauer und Wut (Aufklappbild).

Das Material

Zunächst war ich etwas skeptisch, ob die Kinder gut mit den Tuschestiften umgehen könnten, die ich ihnen persönlich anvertraute. Wider Erwarten hatten wir kaum Verluste und wenn – dann wirklich aus Versehen. Auch Wachsmaler sind kaum zerbrochen.

Der Trick: ich machte für jedes Kind ein Mäppchen zurecht, das diesem bis zum Ende des Kurses anvertraut wurde. Außerdem habe ich soweit dies finanziell möglich war Qualitätsmaterialien eingesetzt. Beim Papier würde ich demnächst nur noch Fotokarton wählen, denn die Ergebnisse sehen ganz anders aus. Gutes Material spornt an und sieht in jedem Fall besser aus als altes Kopier- oder Druckerpapier, dessen Rückseiten zum Malen benutzt werden.

Die Kinder guckten mich ungläubig an als ich ihnen ihr Mäppchen und je einen Block aushändigte. Es war zu spüren, dass es für die Kinder dieser Brennpunktschule ein ungewöhnlicher Moment war, und wie man sieht war mein Vertrauen voll gerechtfertigt.

Und jetzt mal ganz konkret:

Ankommen – Wie fühle ich mich gerade?

Die Kinder kamen vor allem morgens zu unterschiedlichen Zeiten in die Klasse. Der Raum war im Winter etwas abgedunkelt und eine strengstens bewachte Kerze verbreitete eine ungewöhnlich gemütliche Stimmung. Jedes Kind durfte seine Mappe nehmen und schweigend mit der Arbeit beginnen, bis alle Kinder da sind. Die Kinder griffen angefangene noch nicht beendete Arbeiten auf oder malten ein neues Namensschild, mit dem man auch ohne Worte zeigen konnte, in welchem Gefühlszustand man sich gerade befindet. Wer schon über mehrere Schilder verfügte, konnte seines einfach auswechseln. Als das erste Foto geschossen wurde, hatten offensichtlich alle Kinder gute Laune. Wie man auf dem letzten Foto sehen kann, gibt es aber durchaus Kinder, die diese Möglichkeit nutzen, um um Hilfe zu rufen.

Wenn ein Kind schreibt “ich kann nicht mehr”, dann biete ich ein Gespräch an und benachrichtige den Ansprechpartner in der OGS. Aber kein Kind wird gezwungen, sich zu seinem Namensschild zu äußern. Wenn die Aussage weniger dramatisch ist, dann darf und soll es einfach als vom Kind wahrgenommene Realität im Raum stehenbleiben. Nächstes Mal ist es dann womöglich wieder ganz anders.

Namensschilder, die Gefühle ausdrücken

In einer Stunde haben wir uns intensiv mit den Namensschildern auseinandergesetzt. Ich hatte Rahmen in verschiedenen Stilen für die Namensschilder gemalt und schnell entdeckten die Kinder eine ganz wichtige Eigenschaft von Linien: Sie können sehr unterschiedliche Gefühle übermitteln. Beim Zuschneiden sind damals leider die meisten Rahmen verloren gegangen, weil meine Kopiervorlage etwas zu groß geraten war.

Chamäleon – Der andere hat da so ein Muster, das nimmt mich voll mit!

Kennen Sie das? Einer hibbelt herum und Sie können selbst kaum ruhig bleiben? Einer hat gute Laune und steckt alle damit an? Und ein anderer platzt gleich vor Wut und wenn er keine Gelegenheit bekommt, diese rauszulassen, dann platzt gleich auch der heutige Kurs? Damit wären wir beim Chamäleon angekommen, dem Tier, das sich in unglaublicher Weise seiner Umgebung anpasst. Das erste Tier war bereits ausgefüllt. Bei unserem Arbeitsblatt durfte das zweite Chamäleon bewusst ganz andere Muster haben, auch wenn sich abgrenzen schon mal schwierig ist.


Hier eine Arbeit aus der Gruppe der “Kleinen”, rechts eine von den “Großen”.

Vom Tangle zum Dino

Ich wollte ursprünglich vor allem das damals gerade in Mode gekommene “Zentangle” mit den Schülern aufgreifen, aber mir wurde schnell klar, dass ich mit der ersten und zweiten Klasse anders arbeiten musste als mit den Dritt- und Viertklässlern.

Die Kleinen füllten beispielsweise Basteldinos (s.u.) mit Mustern und waren dabei genauso konzentriert wie die Großen, die schon abstrakter arbeiten konnten. Die Großen arbeiteten über Wochen an Adventskalendern, die Kleinen machten in der Kratzbildtechnik Weihnachtskarten.

“Fast keines der Bilder hier ist ja fertig…?”

Genau. Stört Sie das? Nichts ist schlimmer, als wenn alles feststeht und nichts mehr verändert werden kann, weil ein Bild am Ende zu sein scheint, bevor wir zufrieden damit sind… Unser Leben ist ja auch nie fertig, oder? Hoffentlich nicht!

Ich habe den Kindern erklärt, dass es nicht um Noten geht und dass wir die Bilder der anderen nicht bewerten wollen. Sie dürfen jederzeit daran weiterarbeiten, wenn sie Lust dazu haben. Auf diese Weise habe ich auch vermieden, dass gegen Ende des Kurses noch schnell gehuddelt wurde, wo anfangs mit soviel Konzentration und Liebe gearbeitet worden ist. Manchmal muss man sich auch eine Pause gönnen und auf den richtigen Zeitpunkt warten, um eine Arbeit wieder aufzunehmen. Diese blieben während des Kurses bei mir in Mappen – am Ende habe ich den Kindern die Bilder mit nach Hause gegeben.

Der Gefühlssetzkasten

Gegen Ende des Jahres zeichneten wir einen Gefühlssetzkasten, in den wir Symbole für besonders schöne, beängstigende oder auch traurige und aufwühlende Ereignisse des letzten Jahres malten. Als ich das vormachte und ein paar Worte dazu erklärte, hatten schnell alle das Prinzip verstanden. Die Bilder sind noch nicht völlig ausgefüllt und auch das ist okay. Wer möchte, kann später noch Dinge ergänzen. Fast alle hatte Lust, am Ende über ihren Setzkasten zu sprechen. Und viele ließen sich darauf ein und empfanden mit dem, der gerade erzählte.

Wo es sich anbietet, da teile ich als Künstlerin mit den Kindern mein Wissen über Kontraste, Farben und dergleichen. Das ist aber Beiwerk, denn obwohl es die Zeichnungen verschönern helfen kann, geht es nicht darum, sondern um den “flow”, der während der Arbeit entsteht.

Traurige Smileys?

An dieser Arbeit hatten die Kinder besonders viel Spaß. Durch geschicktes Klappen wird aus einem traurigen Smiley ein furchtbar wütender…

Meist arbeiten wir schweigend, aber in der kurzen Einführung habe ich erklärt, dass Wut und Trauer auch im Schulalltag oft verwechselt werden können.

Während des Malens fielen den Kindern dazu immer mehr Beispiele ein und sie erzählten den anderen davon, wie sie selbst diese Gefühle verwechselt hatten oder wie möglicherweise ein Mitschüler durcheinander gekommen ist. Empathie halte ich für etwas Wichtiges und Erlernbares, das unsere Gesellschaft lebenswerter macht.


Kratzbilder zu Weihnachten

Adventskalender (3./4.) und Weihnachtskarten (1./2.)

Wertschätzung fängt im Kleinen an

Damals ließ an dieser Schule ein Filzkind seine Arbeitsergebnisse im Werkraum liegen mit der Begründung: “Meine Mama schmeißt das sowieso sofort weg…”  In solchen Fällen hilft es nur bedingt, wenn man den Kindern erzählt, wie toll man es selbst findet und dass sie sich selbst loben sollen. Ich habe damals darum gebeten, mir diese wundervolle Arbeit zu schenken.

Für die Adventszeit fertigten die Großen fleißig die eingeübten oder neuen Tangles in Kratztechnik an, die wir später in die Kalender klebten. Hätten wir mehr Zeit gehabt, wären auch die Montageflächen noch “betangelt” worden! Hier wird Zeit und Liebe verschenkt und ich hoffe, dass es nur wenige Eltern gibt, die angesichts einer solchen Hingabe nicht schwach werden.



Exemplarisch weitere Arbeitsblätter

Mit Linien zaubern!

Ansichtssache

Medien

Gerne verwende ich  kleine Geschichten als Ausgang für ein Arbeitsblatt und genauso gerne verarbeiten wir unsere Tangles zu  kleinen Bastelarbeiten.

Nur eine Linie

Feuerwerk

neue Schuhmuster

Schmetterlinge

und Vögel!

Tangle AB

gemusterte Dinos

und demnächst:

Quellenangaben

Kein Lehrer kann das Rad ständig neu erfinden. Oft hat man irgendwo etwas gesehen und greift es auf. Wenn jemand seine Ideen (Schmetterlings-, Dinovorlage) hier wiederfindet oder mich auf weitere gute Ideen hinweisen möchte, dann kontaktieren Sie mich bitte.


Der Turm zum Mond

Angeregt vom längsten Ausmalbuch der Welt (Es misst über 5 m und ich habe es in einem kleinen Buchladen in Schweden gefunden) haben die Erst- und Zweitklässler in stiller konzentrierter Arbeit einzelne freie Bilder geschaffen, die man am Ende zusammenlegen kann. So entstand auch hier ein abwechslungsreicher Turm und jedes Bild war Teil eines Ganzen. Besonders beeindruckt hat mich, wie frei manche Zeichnungen bereits waren. Durch das anschließende Colourieren konnten die Kinder noch einmal ganz neue Akzente setzen.

An dieser Stelle waren wir weit weg vom scheinbar monotonen Symbole-Malen und die Kinder arbeiteten kreativ und frei und natürlich liebe ich diese Bilder! Dennoch ist das Zentangle ein guter Weg, um zu dieser meditativen Ruhe zu gelangen.



Glückssträhnen

Ja, den Buddha habe natürlich ich gefilzt. Ich beschäftige mich seit meinem 19. Lebensjahr mit Zen, Meditation und östlicher Philosophie. Ich bin weder Esoterikerin noch irgendeiner Sekte angehörig. Inzwischen sind die Erkenntnisse der buddhistischen Philosophie sogar bis in die westlichen Therapieformen vorgedrungen und haben sich in vielen Fällen als hilfreich erwiesen. Mitgefühl scheint dabei der Schlüssel für alles zu sein und: Wer zerstört die Werke eines Mitschülers, wenn er sich vorher wirklich vorgestellt hat, wie es ihm damit ergehen würde? Wenn Kinder selbst Mitgefühl erfahren dürfen, dann müssen sie ihren Frust nicht an andere abgeben. Dann wird die Welt ein kleines Stückchen besser.

Ich muss von irgend etwas leben, aber ich arbeite nicht um des Geldes willen. Mir ist es ein Anliegen, die Kinder fit fürs Leben zu machen und ihnen Methoden an die Hand zu geben, wie sie auch in schwierigeren Zeiten zurecht kommen. Dabei kenne ich meine Grenzen. Wenn ich merke, dass größere Probleme im Hintergrund lauern,  spreche ich die Erzieher an. Ich bin Künstlerin, Mutter, Historikerin, Architektin, Filzlehrerin – aber kein ausgebildeter Kunsttherapeutin.

Die Glückssträhnen auf dem Foto verkaufe ich übrigens für 2,50 € im Shop. Eine kleine Anleitung hilft Ihnen, aus der bunten Wolle eine belastbare Glückssträhne zu machen – mit eigenen Händen! Wer sonst sollte für Ihr Glück verantwortlich sein?